Ran an die Buletten – Gibt es klimafreundlichen Fleischkonsum?

Maren Jõhne Amt Bordesholm.jpgDie Produktion von 1 kg konventionellem Rindfleisch verursacht den Ausstoß von rund 13 kg CO2-Äquivalenten. Die Verdauungsvorgänge der Wiederkäuer setzen Methan frei, bei dem Einsatz von synthetischen Düngemitteln wird in den Böden gebundenes Lachgas freigesetzt. Der Betrieb von landwirtschaftlichen Maschinen, Landumwandlung und Transport verursachen die Emission großer Mengen CO2. Allein in Brasilien werden für den Sojaanbau jährlich 2,5 Millionen ha Regenwald gerodet. Soja, welches auch in den Futtertrögen deutscher Mastbetriebe landet, denn es ist billig und äußerst eiweißreich. Die Erzeugung tierischer Lebensmittel ist somit laut FAO*1 für 14,5 % der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Der einzige Ausweg: Eine drastische Reduktion des Fleischkonsums.

Mõhdrescher

HALT!!! STOP !!! ABER ICH LIEBE FLEISCH!

Fleisch ist meine Leidenschaft. Schon immer. Fleisch bedeutet für mich Genuss und Handwerk. Ob Buletten oder Blutwurst, die Produktion und Zubereitung von Fleisch- und Milchprodukten fasziniert mich und ist Teil von mir.

Dabei habe ich Fleisch nie ohne Reue gegessen. Irgendwann in meinen Teenie-Jahren machte die industrielle Tierhaltung meinem Gewissen zu schaffen. Ungefähr zehn Jahre später sind es Klimawandel, Raubbau und Biodiversitätsverlust, die mich meinen Fleischkonsum hinterfragen lassen. Damals wie heute musste ich mir etwas einfallen lassen, denn Soja-Schnitzel sind für mich keine Alternative.

Damals entschied ich mich für eine zwar konventionelle, aber sehr regionale wirtschaftende Hofschlachterei in der Nähe meines Elternhauses. Ich analysierte die Haltungsbedingungen der Tiere und schaute bei einer Schlachtung zu. Heute weiß ich, dass auch jene Schweine mit Soja und Getreide aus Übersee gefüttert wurden. Dass der Transport von Gülle und Futter entartete Dimensionen angenommen hat, dass selbst die Klimabilanz von ökologisch erzeugtem Fleisch kaum besser ist.

Also habe ich mich auf die Suche gemacht nach klimafreundlichen Alternativen – und bin auch fündig geworden: Robustrinder, die auf Naturschutzflächen grasen. Die Galloways, Heck- und Highlandrinder werden unter anderem als Landschaftspfleger auf den wilden Weiden der Stiftung Naturschutz eingesetzt. Dort dämmen sie das Wachstum von Gehölzen ein, halten die Flächen offen und schaffen neue Lebensräume für gefährdete Pflanzen und Tiere. Und ganz nebenbei produzieren sie hochwertiges Fleisch in Bio-Qualität.

Highlandrind

Und auch die Vorteile für die Klimabilanz liegen auf der Hand: Die Tiere erhalten kein energieintensives Kraftfutter, sondern fressen ausschließlich das, was die Naturschutzflächen an Gräsern, Kräutern, Ästen und Blättern bereitstellen. Was davon übrig bleibt, muss nicht in Güllebehältern gelagert und wieder auf die Felder ausgebracht werden, sondern gelangt umgehend zurück in den Stoffkreislauf. Darüber hinaus gibt es Studien, die zeigen, dass eine Beweidung die Kohlenstofffixierung im Boden begünstigt*2. Vermarktet wird das Fleisch über lokale Initiativen wie der Bunde Wischen eG*3 bei Schleswig oder dem Weidelandschaften e.V.*4 in Neumünster. Die Produkte können in Hofläden, auf Wochenmärkten und in ausgesuchten Supermärkten bezogen werden. Kurze Transportwege vor und nach der Schlachtung sind somit ein weiterer Pluspunkt fürs Klima.

Weil mir das alles immer noch nicht gut genug war, habe ich 2017 meinen Jagdschein gemacht. Mir gefällt der Gedanke, mich von dem zu ernähren, was die Natur ohne Bewirtschaftung durch den Menschen hergibt. Rehe, Hasen und Wildschweine sind Teil eines geschlossenen Kreislaufs. Fallwild*5 dient Aasfressern als Nahrung und wird danach, genauso wie die Losung des Wilds von Bodenorganismen und anderen Destruenten zersetzt. Wird die Population größer als es das Ökosystem verträgt, greift der Jäger ein und entnimmt einzelne Tiere, um so den Bestand zu regulieren. Durch die viele Zeit, die man vor dem Schuss mit der Beobachtung des Wilds verbringt, baut man eine sehr persönliche, fast innige Beziehung zu dem Tier auf, man entwickelt Wertschätzung und Dankbarkeit. Für mich ist das der genau richtige Weg, um ohne Reue Fleisch essen zu können.

Jagd

Natürlich ist das ein sehr romantisches Bild von der Jagd. In Wahrheit ist Wild schon lange nicht mehr wild, sein Lebensraum eine vom Menschen überformte Agrarlandschaft. Das Wild fühlt sich bei uns so pudelwohl, dass es längst nicht mehr ausreicht, kranke, schwache und alte Tiere zu entnehmen, um die Bestände in Schach zu halten. Betrachtet man jedoch die Klimabilanz von Wild, scheint auf den ersten Blick alles perfekt. Es müssen keine Flächen gerodet und kein Kraftfutter angebaut werden. Es fallen nur so viele Abfallprodukte an, wie das Ökosystem wieder aufnehmen kann. Die Vermarktung erfolgt regional und direkt. Wild ist keine industrielle Massenware, sondern Handarbeit.

Gibt es ihn also doch, den klimafreundlichen Fleischkonsum, die Alternative zum Verzicht? Nicht ganz, fürchte ich. Mindestens zwei Haken hat die ganze Geschichte.

Robustrinder und Wild, das bedeutet vor allem eines: Platz. Was für mich und die paar Jäger in Schleswig-Holstein funktionieren mag, wird brüchig, schaut man über den Tellerrand hinaus. Weltweit wurden 2017 ca. 320 Millionen Tonnen Fleisch produziert. Da muss man nicht lange nachrechnen um zu realisieren, dass extensive Weidelandschaften die globale Nachfrage nach Fleisch nicht decken können.

Und auch mein eigener kleiner Kosmos, in dem ich mich mit meinen Handlungsmaximen und Moralvorstellungen so nett eingenistet habe, bröckelt an einigen Stellen. So verbraucht meine Tiefkühltruhe zur Lagerung der Hirschkeulen und Galloway-Hälften laut Hersteller 275 kWh pro Jahr. Das entspricht beim aktuellen Strommix in Deutschland knapp 150 kg CO2. Dafür könnte ich 13 kg regional produziertes Bio-Rindfleisch kaufen. Oder 50 (!!!) kg Bio-Schweinefleisch. Fünfzig Kilogramm! Grob geschätzt ist das wohl mehr als mein Jahreskonsum.

Nicht zuletzt fahre ich auch noch mit dem Auto ins Revier, da mir die Kombination aus Bockbüchsflinte und Fahrrad irgendwie nicht so ganz gesetzeskonform scheint. Ich will gar nicht wissen, wie viele zusätzliche Emissionen das verursacht. Mein so aufwendig konstruiertes reines Gewissen nimmt auch ohne konkrete Zahlen ganz schönen Schaden.

Puh und nun? Doch auf rein pflanzliche Ernährung umstellen? Fast scheint es mir, als würden die Klimaberichte und Ernährungsreports mit ihren Empfehlungen recht behalten. So richtig anfreunden kann ich mich mit dem Gedanken noch nicht, aber vielleicht schaffe ich das als guten Vorsatz für 2019.

Maren Jähne, Klimaschutzmanagerin Amt Bordesholm
E-Mail: maren.jaehne@bordesholm.de

*1: Gerber, P.J., Steinfeld, H., Henderson, B., Mottet, A., Opio, C., Dijkman, J., Falcucci, A. & Tempio, G. 2013. Tackling climate change through livestock – A global assessment of emissions and mitigation opportunities. Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO), Rome.
*2: DeVore, Brian 2016: Carbon, Cattle and Conservation Grazing. Land Stewardship Project. (http://landstewardshipproject.org/posts/838, 11.12.2017)
*3: http://www.bundewischen.de
*4: http://www.weidelandschaften.de
*5: so nennt der Jäger Wild, dass durch einen natürlichen Tod gestorben ist

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4 Gedanken zu “Ran an die Buletten – Gibt es klimafreundlichen Fleischkonsum?

  1. Hey,
    Ich glaube, hier gibt es neben der ganz-oder-garnicht-Lösung immer noch die Frage nach der Menge. Wenn jeder von uns seinen Fleischkonsum auf den Sonntagsbraten beschränkt (und diesen dann so richtig genießt), rückt die extensive Fleischbeschaffung „für alle“ in deutlich größere Nähe. Das hieße dann aber auch: unter der Woche kein Aufschnitt, keine Speckwürfel, keine Bolognese. Das erfordert echtes gesamtgesellschaftliches Umdenken, von dem viele unserer Artgenossen leider weit entfernt sind.
    Viele Grüße,
    Pip

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    1. Maren Jähne

      Lieber Pip,
      ja da hast du Recht. Ein weiteres Problem ist ja, dass Fleisch aus dem Supermarkt sehr billig ist und der Verbraucher seine Einkaufsgewohnheiten daher nur selten hinterfragen muss. Wären Wurst & Co teurer, würden wir Verbraucher ganz automatisch unseren Fleischkonsum hinterfragen und in der Konsequenz auch reduzieren. Grundsätzlich stellt sich da die Frage, ob das Umdenken von den Verbrauchern aus gesteuert werden muss – durch veränderte Nachfrage – oder ob man das von der Produzenten-Seite aus steuern möchte…durch gesetzliche Vorgaben z. Bsp. zum Tierwohl, Labeling oder unterschiedliche Besteuerung von Lebensmitteln.
      Ein Studie der FAO und verschiedener Universitäten, die im November veröffentlicht wurde, kommt übrigens zu dem Schluss, dass man mit ökologischer Landwirtschaft sehr wohl die Welt ernähren kann. Dazu müsste sich allerdings zum einen der Fleischkonsum pro Kopf reduzieren, zum anderen aber auch weniger Kraftfutter und mehr Gras verfüttert werden sowie weniger Lebensmittel weggeworfen werden. Hier der Link zu dem Artikel: https://www.nature.com/articles/s41467-017-01410-w.pdf

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  2. Sandra

    Wirklich toller Bericht Maren.
    Du hast alle Seiten betrachtet und dich mehrmals selber hinterfragt.
    Ich habe den Fleischkonsum für meine Familie drastisch reduziert und muss sagen, dass es gut funktioniert. Das Problem ist ja nicht, dass wir Fleisch essen, sondern dass wir viel zu viel Fleisch essen.

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    1. Maren Jähne

      Liebe Sandra,
      danke für deine lieben Worte! Ja, wenn wir alle unseren Fleischkonsum ein bisschen reduzieren würden, wäre schon viel getan. Da liegt noch ein langer Weg vor uns, aber ich habe das Gefühl, dass sich so langsam was tut. Die Teilnehmerzahlen an der „Wir haben es satt“ Demonstration anlässlich der Grünen Woche in Berlin sprechen für sich, und auch die Anzahl und Sichtbarkeit von Food-Aktivisten wird stetig mehr.

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